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Veganer und Marmelade

Montagmorgen, trübes Regenwetter und ein grauer Schleier, der die Welt in einen dunstigen Schwarzweißfilm verwandelt. Aber angeblich hat man ja die besten Entfaltungsmöglichkeiten, wenn man zerknittert aufwacht. Als ich heute morgen aufwachte, konnte ich dem Wochenstart nicht mehr Hassgefühle entgegenbringen, vor allem weil ich schon mit knurrendem Magen aufwachte und keinen Schimmer hatte, was ich frühstücken sollte. Also schlurfte ich missmutig mit meiner allmorgendlichen Löwenmähne und kaum fähig meine Augen anständig zu öffnen in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Und da standen sie, harmonisch aneinandergereiht, in einem glänzenden Farbenspiel aus Rot- und Orangetönen: meine Marmeladengläser.
Während ich also meinen Toast in den Toaster steckte und auf die knusprig warme Backware wartete, überlegte ich, wieso ich eigentlich so viele verschiedene Marmeladensorten im Haus hatte?! 
Die meisten waren von meiner Oma in mühevoller Eigenarbeit zuhause fabriziert worden, jedes Glas mit einem kleinen Etikett versehen und handschriftlich beziffert: Apfel-Gelee, Waldmarmelade, Quittengelee, Johannisbeeren und Erdbeeren. Und nicht nur die heimischen Sorten sind in meiner Küche zu finden, auch exotische Rosen- und Feigenmarmelade, Orange-Ingwer und ein Glas mit nicht genau identifizierbarem Inhalt, bei dem es sich um stückigen Quittenkompott handeln könnte. Woher aber die ganzen Gläser? Ich war nie ein großer Marmeladen-Fan und wenn, dann hatte ich höchstens ein Glas langweilige Erdbeermarmelade im Haus, das in einer finsteren Ecke des Kühlschranks vergessen wurde. Warum könnte mein Vorratsschrank also genauso gut als Marmeladenmuseum hinhalten?

Hier die Theorie: Als ich mit dem Studium anfing, war ich nicht nur weit davon entfernt Veganerin zu werden, sondern auch weit weg von zuhause. Um mir ein bisschen Heimatgefühl mitzugeben, füllte meine Oma meine Taschen immer mit liebevollen Carepaketen, die meine damaligen Oma-Lieblingsspeisen beinhalteten – ihr wisst schon, die Gerichte, die es früher immer bei Oma gab und die ausschließlich Oma perfekt zubereiten konnte. Bei mir waren das oft gefüllte Fleischrouladen, Omas Kartoffelsalat, die dekadente Erbsensuppe mit Würstchen oder die göttlichen selbstgebackenen Spekulatius mit Mandelblättchen zur Weihnachtszeit. Aber was mitgeben, wenn die sonst so essfreudige Enkelin plötzlich Veganerin wird? Stellen wir uns das aus der Sicht einer achtzigjährigen Großmutter vor: Das Kind kann plötzlich nur noch Gras und Steine essen – nicht zu vergessen die obligatorischen, bitteren Tränen der Entbehrung. Und somit gab es nach meinen Heimatbesuchen keine Tupperdosen-Stapel mehr. Wir kennen glaube ich alle die nackte Panik, die unsere Familie ergreift, wenn wir uns als Pflanzenfresser outen, aber für meine Oma ist es auch Jahre später noch eine Entscheidung, die sie immer wieder in tiefste Bestürzung versetzt. Immer wieder fragt sie mich, was sie mir denn gutes mitgeben oder schicken könnte (manchmal gab es nämlich auch Plätzchen per Post) und jedes Mal entgegne ich erklärungsmüde, dass ich nichts brauche. Aber mir ihre Liebe anders als mit Essen zeigen? Nein, das kam für meine Oma zu keinem Zeitpunkt in Frage! Also überlegte sie zähneknirschend und entschlossen weiter, bis sie die folgenschwere Offenbarung hatte: Marmelade! Die überraschend vegane Kombination aus Obst, Zucker, Wasser und Pektin. Und was ich noch nicht erwähnte: seit Jahrzehnten ist der Keller meiner Oma gefüllt mit hausgemachten Marmeladen aller Art, meistens sogar aus Obst aus der Umgebung. Also bekomme ich heute keine fleischgefüllten Tupperdosen mehr, sondern Stapel an hausgemachten Marmeladen – umbeachtlich der Tatsache, dass ich so viel gar nicht gebrauchen kann 😉 Und nicht nur meine Oma hat festgestellt, dass Marmelade überraschenderweise vegan ist -Onkel, Tanten, Freunde der Familie, sie alle überreichen mir gerne hier und da oder zu besonderen Anlässen kleine Gläschen mit geliertem Inhalt.
Und während ich heute morgen mit offener Kühlschranktür so dastand und mich schon etwas darüber ärgern wollte, wieviel Platz die ganzen Gläser offenbar einnehmen, musste ich doch etwas schmunzeln:
Auch wenn Brot und Marmelade nie mein kulinarisches Frühstückshighlight sein werden und wir in meiner Familie nie das urdeutsche Abendbrot zelebrierten, so will ich mir doch einreden, dass mit jedem Marmeladenglas, das in meine Küche einzieht, zumindest nach den Regeln der Kausalität, meine Oma an der Fleischtheke im Supermarkt einmal weniger Halt machen musste. Also nahm ich mir das Apfelgelee und die Johannisbeermarmelade aus dem Kühlschrank und strich beide über die noch warmen Toastscheiben. Wenn ich meine Oma (und andere) so dazu bringen kann ein bisschen weniger Tierleid zu verursachen, dann schmiere ich mir gerne öfters ein Brot.
Langweilig wird es bei all den verschiedenen Sorten bestimmt nicht so schnell, und vielleicht backe ich mir die nächsten Tage mal ein frisches Vollkorndinkelbrot mit Haselnüssen oder schaue beim örtlichen Vollkornbäcker vorbei-  schließlich sind wir Deutschen mit 300 verschiedenen Brotsorten und über 1200 Kleingebäcken die Brotnation schlechthin. Perfekte Voraussetzungen bei so viel Marmelade im Haus 😉

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