Body Positivity #1

Eine Geschichte voller Hass

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Die Beziehung zu meinem Körper ist seit ich zurückdenken kann, eine Beziehung voller Schwierigkeiten, Hass und Liebe. Sollten wir auf dem Parkett einen Tango hinlegen, wären wir das ideale Paar. Bei der bildlichen Vorstellung muss ich schmunzeln. Mein Körper und ich, ein Paar, also auch ein Team? Das tut mir irgendwie leid, denn als mein Teampartner muss sich mein Körper sehr zurückgewiesen fühlen. Anstatt auf die gegenseitigen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, wie man das in einer gesunden Partnerschaft eben tun soll, haben ich seine Bedürfnisse mindestens zwanzig Jahre lang konsequent ignoriert, unterdrückt und ihn mit Vorwürfen bombardiert. Wir sind definitiv bereit für eine Paartherapie.

Wie würde eine Sitzung wohl aussehen? Auf der einen Couch ich, auf der anderen mein geknickter Körper, der nervös zwischen mir und der Therapeutin hin und her blickt.  „Nun, sagen Sie mal, was glauben Sie, wo die ersten Probleme auftraten?“ fragt mich die Therapeutin und sieht mich erwartungsvoll an. Mein Blick schweift. Ja… gute Frage, wie fing das alles an? 

Time Warp

Die Schulzeit

Mein erster Gedanke: ich war schon immer ein dickes Kind. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, stimmt das nicht. Beim betrachten meiner Kinderfotos fällt mir auf, dass ich sogar eigentlich ein sehr schlankes Kind war (außer meine Haare, die wuchsen schon immer breit nach oben). Meine Gewichtsprobleme traten in der Grundschule auf: meine Eltern ließen sich scheiden und ich erlebte immer mehr Mobbing und Zurückweisung in der Schule. Ich flüchtete mich ins Essen, aber dass ich dick war, das war mir nie so richtig bewusst. Ich wusste zwar, dass ich nicht so dünn war, wie die anderen Mädchen in meiner Klasse aber ich dachte tatsächlich, dass sich noch alles in gut proportionierten Grenzen hielt.
Aber während andere Eltern ihre Kinder zur Belohnung mal etwas Schokolade gaben oder es zu besonderen Anlässen gar einen Ausflug zu McDonalds gab, galten schon damals für mich Verbote. Andere Kinder lernten mit dem familiären Süßigkeiten-Schrank umzugehen, bei uns gab es erst keinen. Stattdessen gab es für mich unfreiwillige  sportliche Aktivitäten wie Ballett oder Schwimmen. Oh dieser verfluchte Schwimmunterricht… Ein Highlight erlebte ich jedes Jahr zu St. Martin: Alle erfreuten sich an ihren prall gefüllten Martinstüten, meine wurde konfisziert.  Als ich einmal heimlich ein Stück Schokolade in mein Zimmer schmuggeln konnte, erwischte mich meine Mutter dabei und ich musste das gute Stück wieder ausspucken.

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Die Therapeutin unterbricht mich kurz, „Was glauben Sie, welche Konsequenz das für Sie hatte?“. Dass ich nie lernte, mit solchen Verlockungen umzugehen. Und gab es mal doch die Möglichkeit etwas Verbotenes zu essen, stürzte ich mich sofort drauf und stopfte alles in mich hinein – wer weiß, wann es ein nächstes Mal gab? 

Dass ich wirklich übergewichtig war, wurde mir ungefähr in der 7. Klasse bewusst. Ich glaube ich wog in der Zeit ungefähr 80kg bei einer Körpergröße von ca. 160cm (oder etwas weniger). Und plötzlich kommentierte jeder meinen Körper.
„Meine Mutter findet, dass bei dir noch alles gut verteilt ist.“ sagte mit eines Tages meine Freundin N, deren Mutter ich höchsten mal sah, wenn sie ihre Tochter von der Schule abholte.
„Hey, ich hätte nicht gedacht, dass du doch noch so schlanke Beine hast – also bei deinem Gewicht..“ kommentierte E, die Sportskanone der Klasse in der Umkleidekabine, als ich ausnahmsweise mal eine enge Radlerhose zum Sportunterricht trug.

Aber der Kommentar, der mir heute noch Wuttränen in die Augen treibt, kam von meinem damaligen Deutschlehrer. Nach einer Unterrichtsstunde, rief er mich zu sich. Ich war furchtbar aufgeregt und nervös, was wollte denn ein Lehrer nach der Stunde mit mir besprechen? Er fackelte nicht lange: „Du musst dringend abnehmen.“ sagte er mit einem gehässigen Grinsen und verwies auf mein gefährdetes Wohlbefinden. Wenn ich mich bis dahin wohl fühlte, war es nun endgültig vorbei. Ich weiß nicht mehr, was er noch sagte, denn mit seinen Worten schlug er wie eine Panzerfaust auf mich ein. Aber das sollte nicht sein letzter Kommentar zu meinem Körper bleiben, denn wenige Monate später, kommentierte er beim Elternsprechtag, dass meine Brüste für mein Alter ja schon viel zu ausgeprägt seien. Hashtag: Sexualisierung in der 7. Klasse.
Aber die größte Demütigung erfuhr ich – wie kann es anders sein –  in der Familie, und noch heute verfolgt mich dieser Augenblick in meinen Träumen und zersprengt mein Herz in tausend Splitter. Eines Tages begleitete ich meine Mutter auf der Arbeit und eine ihrer Stammkundinnen kam herein. Ich saß auf dem Schreibtischstuhl und las in einem Buch, als mich die Dame ansah, musterte und sich an meine Mutter wandte um mit ihrem folgenden Kommentar meine kindliche Seele für immer zu vergiften: „Aber Frau H, Ihre Tochter ist doch gar nicht so dick wie sie immer sagen.“

Die Therapeutin reicht mir ein Taschentuch. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie stark mein Herz plötzlich rast, meine Augen brennen von dem Versuch die Tränen zurückzuhalten. Mir stockt der Atmen. „Atmen sie mal kräftig ein und aus.“ beruhigt mich mein Gegenüber und ich wische ganz nebensächlich die Tränen weg, die mir nun heiß über die Wangen rollen. 

Mit gerade mal 13 Jahren fasste ich dann den Entschluss, nur noch zu essen, wenn ich wirklich Hunger hatte und versuchte Kohlenhydrate zu meiden, wo ich nur konnte.
Heute kommt es mir völlig absurd vor, dass ich mich in dem Alter mit Makronährstoffen auseinandersetzte. Aber so war es, und es folgten Jahre der Diät, der Verbote und des Verzichts. Nachdem ich ein halbes Jahr schon mein Abendessen durch Fitness-Shakes ersetzt hatte und mindestens jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio ging, verlor ich gut 25kg Gewicht. Fitnessstudio, mit 13!? Fragen sich jetzt vielleicht einige von euch. Tatsächlich war eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio erst mit 16 Jahren möglich, aber aufgrund meines Übergewichts, machten die Betreiber eine Ausnahme für mich – wie nett 😉 Während andere Kinder meines Alters nach der Schule Spaghetti Bolognese bekamen und abends eine ordentliche Mahlzeit, gab es für mich Low Carb und Pülverchen aus dem Chemiebaukasten.

What?!

Man möchte meinen, dass meine Welt nun in Ordnung war und ich endlich am Ziel meiner Träume war. Pustekuchen.
(Hat hier jemand Kuchen gesagt?!)
Mittlerweile irgendwo bei meinem vermeintlichen Idealgewicht angekommen und endgültig das gesunde Verhältnis zu Essen verloren, machte meine Familie einen fatalen Fehler: Familienurlaub bei meinen brasilianischen Verwandten. Es ist ja meistens so, dass Großeltern die Liebe zu ihren Enkeln mit Essen unter Beweis stellen aber noch ausgeprägter sind diese Liebesbeweise, wenn sie besagtes Enkelkind nur alle paar Jahre sehen, dank über 8000km Entfernung – und sehr viel Wasser dazwischen. In der kurzen Zeit, nahm ich also unweigerlich ein paar Kilos wieder zu. Also wog ich jetzt round about 60kg bei 165cm Körpergröße. Heute denke ich sehnsüchtig daran zurück, hach, das wär’s nochmal. Aber damals verdammten mich diese paar Extra-Kilos zu weiteren Jahren voller Diäten, Druck und Selbstzweifel.
Mein Bauch? Nicht flach genug.
Meine Beine? Viel zu kurvig.
Mein Hintern? Fangen wir erst gar nicht davon an…
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Kardashians große Hintern salonfähig machten und plötzlich Millionen Frauen Booty-Training absolvierten und sich Po-Einlagen für ihre Hosen kauften. Po-Einlagen!? Kein Hirngespinst, hatte sich tatsächlich eine Bekannte im Studium zugelegt 😉
Es gab keine Diät, die ich in der Oberstufe noch nicht ausprobiert hatte: Schlank im Schlaf, Kalorienzählen, Low Carb, No Carb, Atkins, Almased – ich kannte sie alle. Auf meinem Teller sah ich nicht mehr Essen, sondern nur noch Kohlenhydrate, Fette und Proteine und natürlich die entsprechenden Kalorien. Und obwohl ich so verzweifelt versuchte, diese „verdammten letzten Kilos“ zum vermeintlich perfekten Traumbody abzunehmen, hatte ich immer noch nicht gelernt Versuchungen zu widerstehen. Während andere in meinem Alter versuchten heimlich Alkohol mit ins Haus zu schmuggeln, mussten meine Freunde versuchten einen Cheeseburger an meiner Mutter vorbei zu schleusen. True story.

Im Abitur folgte dann der Supergau: In dem Vorbereitungsjahr futterte ich den ganzen Stress in mich hinein. Ich kaufte mir Superstretch-Jogginghosen und schloss mich zuhause ein. Als der schriftliche Teil dann geschafft war, holte mich der Diätwahnsinn wieder ein: ich wurde wieder auf Diät gesetzt. Meine Mutter hatte durch eine Freundin von einem Heilpraktiker erfahren, der einem drei Nadeln ins Ohr stach, die das Hungergefühl unterdrücken sollten und dazu gab es eine striktes Diät-Programm (natürlich mit Kosten verbunden) mit maximal 600 Kalorien am Tag. Während ich mich auf meine mündliche Abiturprüfung vorbereitete, musste ich nebenbei Kalorien zählen. Aber ich redete mir damals ein, dass ich es ja selber so wollte, der Abiball rückte schließlich näher. Ich würde jetzt gerne mein 19-jähriges Ich nehmen und ihm eine knallen…

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Das Studium

Meine Mutter. Wie ihr vielleicht schon bemerkt hat, spielt sie eine große Rolle in diesem Beziehungsdrama. Aber nicht nur sie, auch meine Großmutter (väterlicherseits), zu der ich immer ein sehr inniges Verhältnis hatte.
Auf der einen Seite: meine junge Mutter, Konfektionsgröße 34, hat wohl seit der Jahrtausendwende kein Kohlenhydrat mehr zu sich genommen. Mit den Jahren wurde ihr Körper immer drahtiger, ihre Einstellung radikaler und Fitness ist ihre Religion.
Auf der anderen Seite: meine Großmutter, Konfektionsgrößte 54, hat ihr ganzes Leben unter dem Übergewicht und den blöden Kommentaren ihrer Mitmenschen gelitten. Aber begegnet ihr auf der Straße ein anderer übergewichtiger Mensch, hält sie sich mit gehässigen Kommentaren nicht zurück – „Aber ich bin noch lange nicht so dick wie die da!“.

Als ich von zuhause auszog, veränderte sich auch meine Beziehung zu Essen schlagartig. Plötzlich konnte ich alles essen was ich wollte und musste nichts mehr verheimlichen. Meine neue Freiheit auskostend, wurde Essen plötzlich zur Nebensächlichkeit. Aber natürlich lies auch im Studium der Stress nicht lange auf sich warten, und ich futterte wieder.
Man möchte meinen, dass gerade jetzt der Einfluss meiner Familie schwächer wurde, aber tatsächlich war er nun stärker denn je. Anscheinend konnte ich so völlig auf mich allein gestellt, nicht entsprechend auf mich acht geben. Jedes Mal wenn meine Mutter im TV von einer neuen bahnbrechenden Diät erfuhr, klingelte mein Telefon sturm: „Schnell, schalt XY ein! Die neuste Hollywood-Diät und so einfach!“.
Solche Anrufe bekam ich wöchentlich. Aber nicht alle Hinweise auf meine Figur waren so offensichtlich. Die meisten Sticheleien kamen versteckt, fast schon durch die Blume. Der beliebteste Trick meiner Mutter ist auch heute noch das Vorschwärmen von anderen Töchtern:
„Hach ich habe letztens die Tochter von XY kennengelernt. Die ist ja sooo hübsch! Ein Körper…“ säuselt sie dann immer voller Verzückung. Nie waren die Töchter anderer Mütter charmant, intelligent oder witzig. Sie waren nur schlank, sexy und hatten einen Traumkörper. Gerne denke ich an einen meiner Geburtstage zurück: Ich wünschte mir Taschengeld für den nächsten Sommerurlaub, schenken wollte mir meine Mutter aber lieber die überteuerte Metabolic Diet. Eine Diät zum Geburtstag? Klar, wieso sollte man auch einfach feiern, dass ich auf der Welt bin…

Als ich Veganerin wurde, wurde alles nur noch schlimmer. Als ich meine Ernährungsumstellung noch als „Diät“ verkaufte,  war alles in Ordnung aber nachdem ich mich ethisch dazu bekannte, gab ich die Bahn frei für jahrelanges Bodyshaming.
Kurz gesagt: ich bin dick, weil ich Veganerin bin. Die ganzen Kohlenhydrate… ihr wisst schon. Dass ich anfangs sogar abnahm und später einfach mehr Stress hatte und es total aufregend fand neue Gerichte für mich zu entdecken – ja sogar erstmals lernte zu kochen – tut hier nichts zur Sache.
Wenn ich heute meine Oma besuche, mustert sie mich immer auffällig und kommt jedes Mal nickend zu dem Entschluss: „Dieses vegan was du da machst, das kann ja auch nichts sein.“, gerne packt sie dabei meine speckigen Oberarme und knautscht sie ordentlich.

Die letzten Jahre machten mein Körper und ich eine schwierige Zeit durch. Ich nahm zu, ohne großartig anders zu essen. Ich bewegte mich sogar mehr, ging jeden Tag lange spazieren, zusätzlich zu den Besuchen im Fitnessstudio; meldete mich bei Hochschulsportkursen an und probierte neue Sportarten aus. Kickboxen, Krav Maga und ein langer Traum: Poledance. Aber ich konnte nicht mithalten und ich ertrug die verstohlenen Blicke nicht. Es half auch alles nichts. Stattdessen wurde ich immer müder und träger. Irgendwann hatte ich nur noch Schmerzen, meine Beine pulsierten und ich konnte nichtmal mehr kürzeste Strecken mit dem Fahrrad fahren. Sport war jetzt tatsächlich eine Qual. Aber nicht nur mein Körper ließ nach, auch mein Verstand. Das Lernen fiel mir zusehends schwerer und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich ging zu meinem Arzt und klagte ihm mein Leid. Als ich auf das Gewicht zu sprechen kam, sagte er nur genervt „Wenn sie im Sommer nicht abnehmen wollen, müssen Sie halt im Winter weniger futtern.“ – Fall geklärt, danke für die Diagnose. Ich ging zu vielen Ärzten. Alle musterten mich nur von Kopf bis Fuß, und jeder erzählte mir nach der Frage, was ich denn studiere, es sei ganz klar Burnout und ein neuer Ernährungsplan würde ja helfen. Jedes. Verdammte. Mal. Und nein, ich ging es in der Zeit ziemlich locker an. Ein Bluttest ergab später eine Schilddrüsenunterfunktion. Ich bekam erst Jodtabletten, dann Hormone, aber es wurde nicht besser. Termin bei einer Spezialistin. Die stellte erschrocken fest, dass meine Schilddrüse viel zu klein sei. „Kein Wunder, bei der Größe kann sie ja gar nicht genug Hormone produzieren!“ – endlich schien der Grund gefunden zu sein! Aber es ging mir trotzdem nicht besser und jeder Arzt erzählte mir etwas anderes. Ich hatte die Schnauze voll und war frustriert. Ich lehnte meinen Körper nun endgültig ab.

Nach außen hin gab ich mich – nun wieder offiziell moppelig – mit der Situation zufrieden. „Ich möchte schließlich nicht Model werden.“ erklärte ich immer selbstbewusst, das Studium gehe nunmal vor. Aber tatsächlich war in meinem Kopf kein Platz für Lehrmaterialien. Stattdessen fragte ich mich jeden Tag, was ich ändern könne. Mehr Sport, am besten ein Dreier-Split-Plan; nur noch Wholefoods, mehr „leafy greens“ ,  nur noch Vollkorn-Reis, kein Brot mehr, keine Nudeln, und Fette sowieso nicht! Adé Avocados!  Ich fühlte mich ungeheuer machtlos und war zutiefst frustriert. Wenn ich doch einfach schlanker wäre…

Mein Körper sieht niedergeschlagen zu mir rüber. „Das war auch für mich keine leichte Zeit, und du hast mich nur mit Vorwürfen überhäuft.“. Er klingt müde, zurecht. Es tut mir leid, möchte ich ihm sagen. Es tut mir leid, dass ich dir die Schuld gegeben habe. Es tut mir leid, dass ich dich immer weiter unter Druck gesetzt habe, endlich so zu funktionieren, wie ich es wollte. 

Wenn ich morgens aufwachte, galt mein erster Gedanke dem Hüftspeck, der aus meinem Pyjama quoll. Hass. Ich war schon im Selbsthass versunken  bevor ich aufgestanden war. Auf dem Weg ins Bad bloß nicht in den großen Spiegel sehen. Aber nach außen hin gab ich mich stark und selbstbewusst, ich machte sogar Witze über meine Gewichtszunahme. Aber auch die härteste Fassade hält nicht stand, wenn sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig bombardiert wird….

Der furchtbarste Moment in meinem eigentlich noch jungen Leben, ist noch gar nicht so lange her…

Bis dahin hatte ich immer das Glück, nur von einer Seite beschossen zu werden. Entweder es war meine Mutter, oder meine Großmutter. An einem unglückseligen Herbsttag vor zwei Jahren, waren es beide. Familienbesuch.
Wir saßen in der Küche meiner Oma und tranken Tee. Ich stand am Kopfende und ordnete die Korrespondenz meiner Großmutter. Links und rechts jeweils die beiden Body-Ikonen meines Lebens.
„Dieses vegan bringt ja gar nix.“ stellte meine Oma mal wieder fest. Und plötzlich streckte sie ihre Hand nach mir aus und griff beherzt in meinen Bauchspeck. Blankes Entsetzen meinerseits. Aber es war noch nicht genug. Sie grabbelte weiter mit prüfendem Blick in meinem Speck herum, als stünde ich zur Auswahl für den nächsten Sonntagsbraten. „Ne ne…“ machte sie dabei immer wieder und schüttelte den Kopf. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Mein Puls raste, Schweiß strömte aus allen Poren.
„Bitte… lass… das!“ war alles, was ich herausbekam. Ich kämpfte mit den Tränen, es war einfach mehr Demütigung, als ich ertragen konnte. Ich blickte hilfesuchend zu meiner Mutter. Aber sie saß nur da, mit ihrer Teetasse in der Hand und sah mich mit einer Mischung aus Genugtuung und Sorge an. Ihr Blick sprach Bände: Siehst du nun endlich, wie schlimm es um dich steht?
„Lass das!“ keuchte ich noch einmal. Mein Hüftspeck wurde weiterhin befummelt. Sie hörte nicht auf. Sie hörten nicht auf.
Zu dieser Zeit hatte ich „nur“ 10kg zugenommen. Ich trug eine Konfektionsgröße größer. Statt 38/40 nun eben 40/42. Aber meine Familie behandelte mich als sei ich hochgradig adipös.

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Ich brauchte Monate, um mich von diesem Tag zu erholen. Ich hatte es kaum für möglich gehalten, aber danach hasste ich mich noch mehr. Ich hasste meinen Körper, der anscheinend gegen mich arbeitete, hasste die Tatsache, dass ich von meiner Familie „wie ein Mensch zweiter Klasse“ behandelt wurde und hasste mich selbst noch viel mehr dafür, dass ich mich nicht selbst behaupten konnte…

„Ich glaube an dieser Stelle machen wir Schluss für heute.“ Die Therapeutin sieht mich besorgt an, „Sie haben viel aufgearbeitet, das sollten Sie erstmal sacken lassen.“. Ich keuche, mein Herz rast. In meinem Bauch spüre ich brodelnde Wut, dagegen ist mein Herz erstarrt vor Trauer und Beklemmung. Die Gedanken schwirren in meinem Kopf. Ich kämpfe wieder mir den Tränen. „An dieser Stelle machen wir dann nächstes Mal weiter.“ 

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Ich danke allen, die bis zu dieser Stelle gelesen haben. Es hat mich sehr viel Mut gekostet, zum ersten Mal so offen zu schreiben und gleichzeitig so viel von mir preiszugeben. Aber ich merke auch, wie gut es tat, mir alles von der Seele zu schreiben. Oder mit anderen Worten: mich mal so richtig auszukotzen 😀 Es tut mir leid, wenn ich zwischenzeitlich den Faden verloren habe, es war etwas schwierig bei all den Erinnerungen, die mich plötzlich überfluteten, den Überblick zu behalten. Und dann hat man den Absatz schon fast fertig und ach ja, dann fällt einem ja doch noch was ein 😀

Vielleicht fragt sich manch einer auch, was das denn alles mit Body Positivity zu tun hat. Nun, ich dachte bevor ich darüber schreibe, wieso ich meinen Körper so akzeptieren möchte wie er ist, sollte ich mich nochmal damit auseinander setzen, warum ich das so lange nicht konnte.

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2 Kommentare zu „Body Positivity #1“

  1. Ich habe deinen Text sehr gerne und ungerne gelesen.
    Gerne, weil er sprachlich super gut ist, die Idee mit der Paartherapie gefällt mir.
    Ungerne, weil mir der Inhalt echt übel aufstößt. Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber du brauchst eine Familien-Diät: weg mit überflüssigen Verwandten, die weder Respekt noch Liebe in ihren Knochen haben. (Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, aber ich war echt pissig, als ich das gelesen habe)

    Ich wünscht, wir hätten uns vielleicht zu Schulzeiten kennengelernt. Ich war die knochige auf der anderen Seite. Die, die keine weiblichen Rundungen hatte und sich deswegen gestresst hat. Ich bekomme heute noch ungefragt gesagt, ich solle mal mehr essen oder dieses oder jenes essen. Also ich jünger war, haben Bekannte meine Eltern oft gefragt, ob ich magersüchtig wäre, was mich echt getroffen hat. Ich möchte meine, mit deiner Situation nciht vergleichen, was ich aber sagen möchte ist: die anderen haben die Probleme. Wie bescheuert muss man im Kopf eigentlich sein, um sich ungefragt in das Leben anderer einzumischen.
    Ich gehe doch auch nicht zu einem Autofahrer und sage: „Können Sie sich die Karre überhaupt leisten?“ Oder halte Rauchern Vorträge.

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    1. Liebe Traumenit,
      erstmal vielen Dank für das Lob! Ich freue mich wirkich riesig, weil ich immer Angst habe, dass ich meine Gedanken nicht gut ausdrücken kann. Du trittst mir keineswegs zu nahe. Den Kontakt habe ich schon ziemlich runtergefahren, ich schaffe es auch immer öfter Kommentare einfach auszublenden aber ich sehe es auch als meine Aufgabe zu lernen, Konter zu geben.

      Boah… wenn ich mitbekomme, das einem vorgeschrieben wird, was man Essen soll, werde ich echt sauer. Ich finde es so demütigend, wenn ständig das eigene Essen kommentiert wird. Sei es nun, ob man weniger oder mehr Essen soll, beides ist einfach ein No-Go. Ich differenziere da auch nicht zwischen „zu dünn“ oder „zu dick“, ich bin mir sicher, dass alle Personen leiden, die nicht dem goldenen Mittelmaß entsprechen. Aber du hast recht: wir sind nicht das Problem sondern die anderen. Ich habe es nun auch endgültig satt mich dafür entschuldigen zu müssen, dass ich nicht den Idealvorstellungen anderer Leute entspreche. Und selbst wenn man dieser Idealvorstellung entspräche, gäbe es ja noch mindestens 100 andere Probleme: Haut nicht frisch genug, der falsche Modestil, etc. 😦

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