Lifestyle

Body Positivity #2

Diesen Post wollte ich schon seit so langer Zeit verfassen. So oft hatte ich schon angefangen, war beinahe fertig, löschte wieder ganze Passagen, überarbeitete ihn komplett, fand ihn zu lang, kürzte ihn, schrieb neues dazu… zufrieden bin ich immer noch nicht, aber ich habe gemerkt, dass ich diesen Post fertig schreiben musste, um endlich mit dem ganzen alten Ballast abzuschließen.

Nach meinem ersten Seelenstriptease folgt nun der zweite. Nachdem ich Body Positivity entdeckte, änderte sich mein Leben so schlagartig, dass es einige Wochen dauerte, um damit fertig zu werden. Tatsächlich befinde ich mich immer noch in dem Prozess, denn ich kann selbst kaum glauben, wieviele Bereiche meines Lebens dadurch (positiv) beeinfluss wurden.
Aber wie dieses Abenteuer für mich begann, möchte ich euch erzählen, vielleicht kann ich den einen oder die andere dazu ermutigen mich zu begleiten. Also, wenn du mutig und kühn bist, dann schnapp dir deinen Wanderstock und deinen Rucksack, zieh dir bequeme Schuhe an und los geht’s!

 


Der Film Embrace hatte im Frühling 2017 vielen Frauen zu Tränen gerührt. Leider wurde er nur an ein oder zwei Tagen deutschlandweit ausgestrahlt und meine Begleitung hatte mit kurzerhand abgesagt. Dann warte ich eben, bis er auf Netflix zu sehen ist, versuchte ich mich zu trösten. Im Dezember und Amazon sei Dank, konnte ich mir den Film ausleihen. Schon nach einer viertel Stunde brannten meine Augen vor lauter Tränen. Nach dem Film war ich komplett aufgelöst. So viele Sätze, in denen ich mich wiederfand und so viele starke Frauen, die sich nicht unterkriegen ließen. Schockiert war ich vor allem, wie viele Frauen sich selbst als disgusting beschrieben. Disgusting. Ekelhaft. Widerlich. Abscheulich. Ich konnte es erst nicht glauben aber ja, auch ich fand mich abstoßend. So sehr, dass ich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen konnte. Jeden Morgen auf dem Weg ins Bad versuchte ich bloß keinen Blick in den Spiegel zu werden. Bloß nicht meine massige Gestalt zu sehen und schon gar nicht, wie das Fett an meinen Beinen wabbelte. Und obwohl mich der Film so sehr bewegt hatte, war ich wieder schnell in meinem Diät-Kreislauf. Oder sollte ich besser sagen: dem nächsten alles verändernden Lifestyle-Change?

Im Januar war ich längst wieder dabei, mein Leben nach einer Diät auszurichten aber irgendwann, irgendwie und aus einem schicksalshaften Grund, informierte mich Facebook über einen Vortrag im Kulturzentrum Bahnhof Langendeer, unter anderem organisiert durch Feminismus im Pott. Das Thema: Body Positivity, dazu Lesungen von Magda Albrecht und Schwarzrund. Laut Infotext solle es um die gesellschaftlich konstruierten Schönheitsideale gehen und wie man sich dagegen behaupten könne.
Naja, meinen Körper positiv zu betrachten, konnte ich mir in dem Moment nicht so recht vorstellen (eigentlich gar nicht) aber sich gegen Schönheitsideale behaupten? Ich dachte da natürlich gleich an meine Familie, das konnte ich gut gebrauchen!
Zumal Januar schon wieder fast vorüber war – genauso wie meine hochgestochenen Neujahrsvorsätze:

2018 wird genau mein Jahr! Ich will ja nur ein paar Kilos verlieren, wenn ich das jetzt ein paar Monate beinhart durchziehe, dann bin ich bereits im Sommer fit und glücklich – nur ein paar Monate Disziplin! New year, new me! Again!

Den Jahresanfang verbrachte ich mal weder damit mit Fitnesspläne zurechtzulegen und verschiedene Diät- und Motivationsgruppen zu durchforsten. Die waren natürlich voller Vorher-Nachher-Erfolgsgeschichten, die einem zum Jahresbeginn so richtig schön in den Arsch treten sollten. Kommt das jemandem bekannt vor?

Ich überlegte lange hin und her, ob ich zu dem Vortrag gehen sollte. Was würde mich erwarten? Lauter Eso-Blabla, dass mich so lieben soll wie ich bin und wahre Schönheit kommt ja bekanntlich von innen?  Also alles, was ich eh nicht hören wollte?
Ich kann euch unmöglich den ganzen Abend wiedergeben, aber ich sag mal so viel: es war ein knallharter Schlag in meine diätende Fresse. Es ging um Diversität (was für ein wundervolles Wort!), Mehrdimensionalität und vor allem: den Körper im Ist-Zustand anzunehmen. Was für eine wundervolle und bizarre Vorstellung zugleich!
Als Magda Albrecht aus ihrem Buch Fa(t)shionista vorlas, dachte ich beinahe, es sei eine geheime Biografie meines Lebens – so viele Geschichten, die mir bekannt vorkamen und vor allem Gedanken, die mich bis dahin jeden Tag begleitet hatten. Als Schwarzrund ihre Gedichte vorlas, packte mich ein Fieber an Emotionen. Ich kämpfte mehrmals mit den Tränen.

Toll? Toll sieht das aus? Wie ich alles verloren habe, mich jeden Tag verliere, das ganze Gewicht das deinen Blick stört und mich liebevoll umrundet.
Das Ganze Gewicht das für dich und Problem ist und zeigt: ich bin da.
Gerade verschwinde ich Tag für Tag, Gramm für Gramm.
Unter deinem euphorischen Applaus.
Toll, wie ich jeden Tag weniger werde.
Steht mir echt gut
Dieses verschwinden

[…]

Irritation?
Durch das was ich bin?
In jedem Raum
Durch Haare
Durch Körper
Ich bin das Youtube-Video mit aktivierter Kommentarfunktion,
dein web.de Artikel dein Facebook-Post der ungewollt die Einstellung öffentlich hat
Ich bin deine Projektionsfläche für

Scham
Hass
Inspiration
Mut
Ziele

Ich bin nie nur Trainierende
Nie nur Schwimmende
Nie nur ich
Mein Fett ist nie Teil meiner selbst
Es verdeckt laut dir mein dünnes ich
But Im now going to break ur heart
Dieses dünne ich gibt es nicht

By Schwarzrund (Klick, wenn du das ganze wundervolle Gedicht lesen möchtest)

 

Projektionsfläche, schon wieder ein Wort mit einem Schlag-in-die-Fresse-Effekt. Und plötzlich fühlte ich, wie meine ganze Welt, meine ganz eigene Matrix plötzlich zersprang.

Wann habe ich irgendjemandem erlaubt, über mich zu urteilen?
Wann habe ich irgendjemandem die Erlaubnis gegeben, meinen Körper zu kommentieren, weil er oder sie mit dem eigenen unzufrieden war?
Warum muss ich mir das gefallen lassen?
Warum habe ich mir all die Jahre eingeredet und einreden lassen, ich sei nur liebenswürdig, wenn ich dünn genug sei?

Wieso muss ich mich immer dafür entschuldigen, dass ich nicht so aussehe, wie ich es nach irgendjemandes Vorstellung sollte!?

Und ich war beschämt, als ich erkannte wie oft ich mich schon für meinen Körper entschuldigt hatte – ungefragt. „Ich habe gerade einen stressige Uni-Phase hinter mir.“, „Meine Schilddrüse spielt gerade verrückt.“, „Ich habe gerade ungeheuer viel zugenommen, aber weiß nicht wieso.“ – ständig wollte ich meine Mitmenschen wissen lassen, dass ich ja eigentlich nicht so aussehe. Hey, eigentlich bin ich schlank! Naja, zumindest schlanker! Und das schon seit Jahren.

Es gab noch einen Satz, der bereits ganz zu Anfang der Veranstaltung erwähnt wurde und der mein ganzes Leben, meine ganze Existenz auf ein paar läppische Worte reduziert: Wenn ich erstmal genug abgenommen habe, geht mein Leben erst richtig los. Und bis dahin? Leben im Standby-Modus? So lächerlich es klingen mag, mein ganzes Leben wartete ich darauf schlank zu sein. Schöne Kleider? Nein, nur für schlanke Menschen. Partys? Nur für schlanke Menschen. Urlaub? Nur für schlanke Menschen. Was bringt denn schon ein Beach ohne Beach-Body?! Meine geplante Weltreise schob ich immer weiter vor mir her, obwohl ich so sehr davon träumte die Welt zu sehen. Aber nie hatte ich das Gefühl, es verdient zu haben. Unglaublich, dass mein Seelenheil von ein paar Kilos abhing. Wenn der Leidensdruck so hoch ist, wieso sich dann nicht einfach ordentlich selbst quälen, bis man es erreicht hat? Es war immer derselbe Kreislauf: Diäten -> Immer mehr Verbote -> Binging -> Frustration. Und dann stellte ich mir selbst die ultimative Frage: wofür eigentlich? Wollte ich wirklich so ein Leben wie meine Mutter führen? Kleidergröße 34 aber ein Leben voller Verbote, Einschränkungen und Verzicht? Nein, zwanzig Jahre waren schon genug, und es sollten bestimmt nicht noch mehr werden.

Body Positive – und was esse ich jetzt?

Nach dem Abend, stellte ich meine ganze Weltanschauung auf den Kopf.
Eigentlich war mein Leben immer ein Wechsel zwischen Orthorexie und Binge Eating. Den lieben langen Tag dachte ich über Essen nach, was ich essen sollte, ob es gesund genug war und was ich besser essen sollte. Wenn ich aß, begleitete mich immer das Gefühl der Unzulänglichkeit: dieses Gericht ist nicht gesund genug! Seien es ein paar Avocadoscheiben, Nüsse oder das fehlende Grünzeug. Tatsächlich aß ich nur Dinge, von denen ich glaubte, sie entsprächen einem Kompromiss zwischen „gesund“ und „schmeckt mir“. Als ich dann kurzerhand beschloß, alle Regeln beiseite zu legen und nur noch zu essen, auf das ich wirklich Lust hatte, fiel ich in ein Loch:

Auf was hatte ich denn wirklich Lust?
Was schmeckt mir eigentlich?
Wie isst man eigentlich normal?

Ich wusste es nicht. Und auch jetzt, einige Wochen später, weiß ich es immer noch nicht so genau. Normal essen, was ist denn schon normal?! Ein Gericht ohne die Intention des Gewichtsverlusts auszuwählen, das war mir einfach völlig unbekannt.

 

Plötzlich plante ich nicht mehr meinen Tag um mein Essen herum. Wenn ich früher bei Freunden eingeladen war, brach ich in Panik aus. Was wenn ich dort Hunger bekäme, und was solle ich dann essen!? Also aß ich vorher etwas adäquates, was meinem Ernährungsplan entsprach. Der Pizza konnte ich dann später aber trotzdem nicht widerstehen, also aß ich doppelt.
Und wir kennen ja alle das Phänomen: Verbote sind immer interessanter! Ich konnte nie einfach nur durch die Stadt laufen. Ständig sah ich überall Verlockungen. Ich konnte nichtmal an Kamps vorbeigehen ohne direkt an die Apfeltasche oder die knusprigen Schweineohren zu denken, obwohl sie mir nichtmal so gut schmeckten – einfach nur, weil sie für mich verboten waren. Dasselbe mit Backwerk (Spinat-Börek!), dm (Kekse, Schoki und mehr!) oder jedem verdammten Laden, in dem man Oreos und Manner-Schnitten kaufen konnte. Mein Kopf war quasi eine Landkarte für Junkfood. 
Wie viel Leere plötzlich in meinem Kopf herrschte, als ich nicht mehr über all das nachdachte und wie sehr Essen seinen Reiz für mich verloren hatte. Auf einmal war es mir egal. Naja, nicht ganz, schließlich war ich und bin ich nach wie vor mit kleinen Details überfordert. Kleines Beispiel: Soll ich jetzt wieder Öl zum Kochen verwenden? Und Soja-Sahne? Und obwohl ich nicht mehr diäten wollte, wollte ich trotzdem gutes Essen essen, also nährstoffreiche Nahrungsmittel, die meinen Körper versorgen. Your body is your temple. Aber sollte ja nicht gleich zu einem Tempel der Lust ausarten… oder? Plötzlich musste ich mir eine völlig neue Meinung zum Thema „gesundes Essen“ bilden. Mittlerweile glaube ich, dass gesundes Essen zunächst einmal mit (m)einem gesunden Kopf anfängt.

Ich musste mir selbst eingestehen, was ich eigentlich schon lange wusste: Auch die Obsession bezüglich Essen ist eine Essstörung. Aber eine von der Gesellschaft nicht nur tolerierte, sondern fast schon geforderte. Einfach essen? Nein! Jeder hat mittlerweile seine perfekte Ernährung gefunden, jeder befolgt einen übergeordneten, beinahe schon göttlichen Plan. Niemand is(s)t einfach nur. Wenn du dick bist, musst du deine Ernährung einschränken. Bist du dünn, musst du fit sein. Fit is the new skinny.
Ernährung ist unsere neue Religion und wir verfolgen sie so leidenschaftlich wie früher Inquisitoren angebliche Hexen. Die Ernährungstaufe macht uns zu ihren Jüngern, gibt uns somit eine Gemeinschaft – verbreitet die frohe Kunde! – aber sie isoliert uns gleichzeitig. Irgendjemand schrieb in einem Artikel „Sex findet heutzutage in der Küche statt“. Nicht weil uns die Leidenschaft überkommt, sondern weil die einzigen Tabus unserer Gesellschaft heute in den Küchen zu finden sind – oder eben in Restaurants. Zu jeder Zeit zensieren wir unsere Teller. Wir halten uns alle für Individualisten aber wir laufen blindlings einem unrealistischem Ziel hinterher, damit wir alle gleich aussehen: Schlank, makellose Haut, Bauchmuskeln aber gleichzeitig Körbchengröße C, bootylicious aber mit Thigh Gap, Yogi(nis) mit einer Schwäche für Smoothies und Buddha Bowls. Im Film Embrace wurde es mit klaren Worten ausgedrückt: Wir vergleichen uns mit Aliens. Die „perfekten“ Frauen im TV und auch im Bereich im Social Media, überall wird getrickst.

 

 

#effyourbodystandards

Die perfekten Frauen. Kommen wir zurück zu der Idee, das Ich im Jetzt-Zustand zu akzeptieren. Das geht natürlich nicht gleich über Nacht aber es hilft, wenn man sich neue Vorbilder sucht. Instagram war für mich Inspiration. Foodinspo und natürlich auch Bodyinspo. Und jedes Mal wenn eines dieser Vorbilder ein neues Bild in die Insta-Welt entließ, drehte sich mir der Magen um.

„Guck mal, ihr Essen sieht sooo viel gesünder aus als deines.“
„Trink endlich mehr Smoothies!“
„Greens! Du brauchst mehr greens!“
„Die zieht sich abends bestimmt keine Bio-Limo rein!“

Ständig verglich ich mich mit Influenzern und ihren super gesunden Tellern. Meine perfektionistische innere Stimme fand immer etwas zu kritisieren. Aus den Augen aus dem Sinn –  also entfolgte ich jeder Buddha Bowl, jedem Teller Zucchini-Nudeln, jedem Foto mit stahlharten Bauchmuskeln und Yoga-Pose. Stattdessen suchte ich mir neue Vorbilder und ich muss euch sagen, es ist einfach wunderschön, so viele tolle Frauen zu sehen, die sich nicht einschränken lassen. Falls ihr selbst welche sucht, hier nur ein paar meiner neuen Lieblings-Profile: Ashley Graham (eines der Top10 best bezahltest Models der Welt!), Tabria Majors,  Chandler Goodwin, Tess Holliday, Megan Jayne Crabbe, Kate Wasley,  Katie Sturino, Jenna Kutcher, @bebody_positive – und so viele mehr!  #morerealityoninstagram

Wir sind beinahe 3,5 Millionen Frauen auf der Welt, müssen wir da wirklich alle gleich aussehen? Denken wir wieder an das Stichwort Diversität, es ist wichtig zu zeigen, dass es nicht nur einen Typ Frau gibt, sondern unzählige – und alle sind schön. Irgendwann fragte ich mich: würde ich meine mollige Oma mehr lieben, wenn sie schlanker wäre? Natürlich nicht, was für eine blöde und bescheuerte Frage! Ich liebte es als Kind und auch heute noch, wenn sie mich in ihre warmen und  weichen Arme nimmt und mich an sich drückt. Wenn wir so viel Liebe für unsere Mitmenschen aufbringen können, wieso dann nicht auch für uns selbst?

#effyourbeautystandards

Mit mehr Selbstliebe im Herzen und einer tieferen Fuck-the-system-Einstellung im Kopf, war ich an einem Punkt extrem frustriert: als ich meinen Kleiderschrank öffnete. Wo waren all die Farben hin, die Muster, die Kleider und extravaganten Teile!? Okay, im Zuge meiner heimischen Minimalismus-Reform hatte ich viel aussortiert aber als ich meinen Kleiderschrank nun mit meinem neuen Körperbewusstsein öffnete, war ich zutiefst verärgert und beschämt. Früher wurde ich als Kanarienvogel bezeichnet, hin und wieder auch als Papagei. Knallige Farben und Muster? Immer her damit! Life is too short for boring clothes, war mein Motto. Und nun? War mein Kleiderschrank mehr als nur langweilig. Mit mehr Kilos, gab es weniger Kleidung die ich mich zu tragen traute. Ich träumte von weiten Off-Shoulder-Blusen, engen Maxi-Kleidern, Crop-Tops, Cut-out-Kleidern in Signalfarben und Sweatkleidern – aber nichts davon war in meinem Kleiderschrank zu finden. Denn diese Klamotten waren nur für hochgewachsene Menschen bestimmt, oder eben jenen, die schlank genug dafür waren. Sie hatten es verdient modische Kleidung zu tragen, ich nicht.
Und dann sah ich dank meinem generalüberholten Instagram-Feed plötzlich Frauen, die alle meine Fashion-Träume in Größen jenseits der 36/38 trugen – und sie sahen einfach nur fantastisch – und so sexy! – aus. Das wollte ich auch! Und ich klickte mir die Finger wund beim Online Shopping. Zwischenzeitlich stapelten sich bei mir die Versandkartons unter dem Bett, auf dem Bett, neben dem Bett, sprich mein ganzes Schlafzimmer war voller Klamotten. Ich tobte mich richtig aus.

1. Erkenntnis: Es ist wundervoll Hosen zu tragen und sich nicht für oder gegen das Atmen oder Sitzen entscheiden zu müssen.
2. Erkenntnis: Zu sagen, man solle einfach tragen was man möchte, ist leicht – die Umsetzung hingegen nicht. In meinem Kopf sitzt immer noch ein kleiner imaginärer Karl Lagerfeld, der mir einreden möchte, was ich tragen darf und was nicht. Und nicht nur in meinem Kopf, auch draußen bilde ich mir immer wieder ein, kritische Blicke einzufangen. Aber auch hier muss ich mir natürlich Zeit geben, mich erstmal wieder daran zu gewöhnen Kleidung zu tragen, die mir gefällt und nicht lediglich solche, die mich schlanker erscheinen lässt. Apropos: Wem will ich eigentlich mit der Bauchweg-Unterhose was vormachen? Es ist deutlich angenehmer nicht drei Lagen Shapewear zu tragen, um mich schlanker zu mogeln. Das Fett ist ja nicht weg, es ist nur woanders – also scheiß drauf und genieß den Abend, mit allem was dazugehört, unter anderem Sauerstoff! 😉

Fuck your #Fitspo

Sport und ich, das war immer so ne Sache.
Seit meinem 13. Lebensjahr bin ich im Fitnessstudio angemeldet. Sport zu machen, war immer Bestandteil meines Lebens, beinahe jeden Abend. Aber nicht weil ich Freude daran hatte, sondern weil ich musste. Sport war lediglich Mittel zum Zweck, und der Zweck war eben Abnehmen. Seit meiner Gewichtszunahme vor einigen Jahren, hatte sich das geändert. Plötzlich konnte ich nicht mehr, obwohl ich wollte. Meine Beine schmerzten, pulsierten und ich war unglaublich schlapp. Ich zwang mich neue Sportarten auszuprobieren, vielleicht würde ich ja endlich etwas finden, was mir wirklich Spaß machte?
Ich probierte es mit Zumba, Kickboxen, Krav Maga, Hip Hop Dancing, Laufen, Squash, Jumping Fitness, Tennis, Yoga, Pilates – die Liste ist endlos. Als ich am Tiefpunkt meiner körperlichen Verfassung war, fand ich einen Poledancing-Kurs, der an der Uni angeboten wurde. Poledancing wollte ich schon immer ausprobieren aber das war wieder eine Sache, die ich mir für mein schlankes Utopie-Ich aufheben wollte. Jetzt oder nie! Ich meldete mich an aber nicht ohne zu checken, ob man irgendwelche Fitness-Mindestanforderungen erfüllen muss. In der Kursbeschreibung hieß es, es sei für alle Körper- und Fitnesstypen geeignet. Ich konnte es kaum erwarten! Aber die Realität sah anders aus: Nicht nur, dass all die anderen Kursteilnehmerinnen schlank und extrem sportlich waren, ich konnte auch bei kaum einer Übung mithalten. Schon beim Aufwärmtraining bekam ich zu viel und die Kursleiterin sah mich immer mit einem Blick an, was ich denn bloß dort verloren hätte. Schon wieder. Dasselbe hatte ich schon beim Kickboxen erlebt, beim Yoga für fortgeschrittene Anfänger (zum x-ten Mal den Anfängerkurs?!) und eigentlich in jedem Sportkurs.  Es war egal, ob es mir Spaß machte… wäre ich doch nur fitter. Ich gab auf. Mehr oder weniger. Hin und wieder ging ich doch nochmal ins Fitnessstudio, aber Freude an Sport? Ich bestimmt nicht.

Aber wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, bekommt man tatsächlich auch Lust sich zu bewegen, und bei dem bitterkalten Winter, den wir dieses Jahr hatten, hatte ich entsprechend wenig Lust bei Minusgraden spazieren zu gehen. Okay, ich gehe wieder ins Fitnessstudio aber ohne irgendeinen verkackten Plan und dem Ziel Kalorien zu verbrennen! Ich schnappte mir meine aktuelle Lektüre, stellte den Stepper auf eine moderate Geschwindigkeit und begann zu lesen. Noch nie verging die Zeit im Studio so schnell, und noch nie hatte ich so viel Spaß dabei. Kalorien und trainierte Muskelpartien? Das war mir alles egal. Ich fühlte mich einfach nur positiv ausgeglichen. Mittlerweile gehe ich wieder gerne ins Fitnessstudio. Ich mag es mich nach einem langen Tag am Schreibtisch aufs Fahrrad zu setzen und einfach zu lesen. Oder morgens um erstmal wach zu werden. Ausgerechnet das Fahrrad, das immer von mir gemieden wurde, weil es nicht genug Kalorien verbrannte und so unbequem war.
Mittlerweile spiele ich sogar mit dem Gedanken, mich bei einem Volkstriathlon anzumelden. An einem Triathlon teilzunehmen war auch immer eines meiner Ziele, aber erst wenn ich an dem Ziel eines sportlichen, schlanken Körpers angekommen wäre. Ich wollte ja schließlich nicht nur teilnehmen, sonder das Teil auch noch rocken! Jetzt will ich einfach nur teilnehmen, einfach nur zum Spaß.

Haters gonna hate

„Jetzt lässt du dich aber komplett gehen!“
Puh… der Satz nagt immer noch an mir. Ja, kurz nachdem ich dank Body Positivity wieder Freude an Sport, Fashion, Essen, ja eigentlich an allem hatte, wurde mir vorgeworfen mich gehen zu lassen. War das so? War Body Positivity nur eine Ausrede um unentwegt zu Schlemmen und mich nicht mehr um mein Aussehen zu kümmern? Lies ich mich gerade wirklich gehen?

Stop. Unterbrechen wir diese Gedankenkette gleich, bevor sie sich wieder um meinen Hals schlingt und ich kaum noch Luft bekomme. Ich habe wieder so viel Freude in so vielen Bereichen meines Lebens und jetzt soll ich mich gleich wieder dafür entschuldigen, dass ich nicht die Weltanschauung einer Person passe. Aber ich vergebe ihr, denn ich weiß wie verrückt es klingen muss, sein Leben nicht mehr nach einem  freudlosen Dogma auszurichten. Mir ist mittlerweile auch klargeworden: selbst wen ich den perfekten Insta-Vogue-Körper hätte, irgendwas wäre immer noch nicht gut genug. Dann wäre mein Hauptproblem meine Cellulite, meine Körperbehaarung, meine Haare, meine Haut, meine Brüste – es gibt so unglaublich viel an uns, das verkehrt sein kann, irgendwas finden wir immer.

Mittlerweile sage ich mir jeden Tag: Wenn ich alles sein kann, außer schlank, warum fokussiere ich mich dann nur auf das, was ich nicht sein kann?
Wäre mein Kopf nicht all die Jahre durch Ernährungstheorien und Kalorientabellen blockiert gewesen… dann hätte ich vielleicht Zeit und Muße gehabt, neue Sprachen zu lernen, wie ich es immer wollte, dann hätte ich mich nicht von Urlauben abbringen lassen, dann hätte die Fashion-Do’s-and-Don’ts mitgemacht, die ich mir von vornherein verboten hatte; vielleicht wäre ich mit meinem Studium schon weiter oder fertig, vielleicht hätte ich längst den ultimativen Vampir-Roman geschrieben, der mir schon so lange im Kopf spukt, vielleicht hätte ich schon eine Sammlung voller toller Lieblingsrezepte – hätte hätte Fahrradkette.
Es ist schwer nicht zurückzuschauen und mich nicht zu ärgern. Über all die verlorene Energie, die verlorene Zeit, die ganze Frustration, die ganzen bescheuerten Gedanken. Don’t look back, you’re not going that way. Jeder Tag, den ich nicht mit Selbsthass verbringe, ist wie ein Tag auf der anderen Seite des Regenbogens. Aber man kann all die Jahre Gehirnwäsche nicht plötzlich mit einem Schulterzucken hinter sich lassen. Ich überlege immer noch viel zu oft, was ich frühstücken soll, ob ich jetzt wirklich einfach nur Brot mit Nuss-Nougat-Creme essen darf, ob ich wirklich ein Rock tragen kann; sehen meine Arme nicht zu fett aus in diesem Shirt?, ich grolle immer noch den weichen Speckrollen an meinem Bauch und wünsche mir immer noch viel zu oft, sie mögen doch endlich verschwinden und auch nach meiner Radtour auf dem Ergometer freut sich ein kleiner verborgener Teil von mir über die verbrannten Kalorien. Ich merke immer noch, dass das Ich in meiner Vorstellung nicht dem der Realität entspricht: dort bin ich immer noch schlanker, größer, fitter, selbstbewusster, redegewandter, schlagfertiger und entschlossener, als ich wirklich bin. Aber irgendwo muss man aufhören und neu anfangen. Und verdammt, innerlich fühle ich mich so viel leichter.

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